Alfred Ullrich
Grafiker, Video- und Aktionskünstler
*1948 in Schwabmünchen/Bayern, lebt und arbeitet in Dachau.
 

 

„Ich arbeite mit und gegen das Material, was ich eigentlich auch übersetzen lässt für meine künstlerische Arbeit – ich arbeite mit und gegen die Gesellschaft, um da herauszufinden, in welchem Verhältnis befindet sich die Gesellschaft zu den Sinti und Roma heute“

 Alfred Ullrich
 

Alfred Ullrich wuchs in Wien auf und lebt heute im Dachauer Land. Er ist der Sohn eines Deutschen und einer österreichischen Sintezza. Als solcher fühlt er sich als einen Außenseiter unter Außenseitern. Seine vielfältigen Arbeiten kreisen um die Frage, in welchem Verhältnis sich die (deutsche) Gesellschaft zu den Sinti und Roma befindet. Seine Erfahrung dabei: Ohne Provokation ist es schwer, Stellungsnahmen zu erwirken. Also zwingt er provokant, aber auch immer bitter-charmant, den Betrachter Position zu beziehen. Ullrich versucht aber nicht nur, die jahrhundertelang tradierten und im kollektiven Unterbewusstsein der Gesellschaft festsitzenden Vorurteile der Gesellschaft aufzulösen, zum Nachdenken und Anders-machen zu animieren, sondern er verarbeitet auch seine eigene Familiengeschichte: Denn Alfred Ullrichs gesamte Familie ist in Konzentrationslager verschleppt worden, die meisten von ihnen verloren im KZ ihr Leben. Seine Mutter war in mehreren Lagern und verlor dort Eltern, zwölf Geschwister und ihren ersten Sohn. Sie überlebte die Gefangenschaft, aber die Traumatisierungen prägten auch ihren Sohn Alfred: Themen wie Schmerz, Tod und Verletzlichkeit sind somit naturgemäß auch Teil seiner Arbeiten.

Ullrichs Aufwachsen selbst war "exotisch" und scheint dem Klischee vom "lustigen Zigeunerleben" durchaus zu entsprechen: Die ersten neun Lebensjahre lebte er in einem Planenwagen am nördlichen Stadtrand Wiens. Nach Beendigung seiner Schulzeit reiste drei Jahre durch ganz Europa, bis er schließlich 1971 in München landete, wo er als Bühnenarbeiter und in einer Werkstatt für manuelle Druckverfahren arbeitete. Ullrichs (Druck-) Arbeiten leben im reizvollen Spannungsfeld zwischen Schönem und Groben, zwischen Anmut und Provokation. Seine Druck-Kunst scheint sich auf den ersten Blick nicht mit seiner Herkunft zu beschäftigen; er setzt dort die Mittel des Druckhandwerks auf experimentelle Weise ein und schafft abstraktere Formationen. Er bevorzugt bei seiner Druckgrafik die Kaltnadelradierung, eine komplizierte Technik, die Präzision und Konzentration verlangt. Das Ergebnis sind zarte, zumeist abstrakte Bilder, die das Verfahren des Drucks selbst aufzeigen und das Gegenständliche auflösen. Betrachtet man die Arbeiten genauer, wird seine Spielfreude deutlich und Widersprüche erkennbar: die Strukturen bilden eine vielfältige Oberfläche, auf der Formen und Farben widerstreitende Wechselspiele eingehen. Bei den gedruckten Formen handelt es sich um Spuren physischer Zerstörung der Druckplatten, sei es durch Ätzungen oder Walzungen der Platten selbst oder etwa durch Abdrücke von in performativen Aktionen zerstochen Bierdosen.

Um deutliche politische Zeichen zu setzen, verlässt sich Alfred Ullrich nicht mehr nur auf seine Druckkunst allein, sondern tritt auch mehr und mehr als Aktionskünstler in Erscheinung.

Seine erste Kunst-Aktion die auf Video und in einer Fotodokumentation festgehalten wurde, nannte sich "Perlen vor die Säue" und ist aus dem Jahr 2001. Auf einem Bild, das im Zuge der Aktion entstand, sieht man ihn vor einem Gatter stehen, aus seiner geöffneten Hand fallen Perlen auf den Boden. Der Ort selbst ist nicht irgendeiner: Auf dem Gelände, an dessen Eingang er steht, befand sich das Konzentrationslager Lety. 1994 wurde die Geschichte dieses Lagers und der Ermordung von Roma und Sinti erstmals veröffentlicht. Die Publikation geriet zum Skandal, weil das Lager als Schweinemastbetrieb diente. Diese Aktion wurde Ullrichs Beitrag für den ersten Roma-Pavillon in Venedig 2007, er zeigte dort dokumentarische Fotografien der Perlen-vor die-Säue-Aktion.

 

Alfred Ullrich ist ein wacher Beobachter und hinterfragt subtil-humorvoll althergebrachte Sicht- und Verhaltensweisen. Vor allem in Sprache und Bildern findet er oft eine unbedachte Diskriminierung des Exotisch-Fremden. Im Jahre 2006 prangerte er in TRANSIDENTIES die Verhältnisse der öffentlichen Toiletten am ehemaligen Landfahrerplatz in der Nähe von Dachau an: Also macht Ullrich Fotos und dreht ein Video – und siehe da, die Toiletten verschwinden über Nacht, zurück bleibt ein Dixi-Klo. Fünf Jahre später verschwindet dann auf sein Betreiben auch das Schild mit der Aufschrift "Landfahrerplatz kein Gewerbe. Denn "dieses Wort 'Landfahrer' war zur NS-Zeit in Gebrauch und ist ein Synonym für Zigeuner, und das lehnen wir als diskriminierend ab. Und daraufhin habe ich versucht, die Stadt Dachau darüber zu informieren. Es gelang mir nicht auf Anhieb, da wirklich Gehör zu finden."

 

Alfred Ullrich ist neben auch für die Gestaltung der Drucke der EDITION GALERIE KAI DIKHAS verantwortlich.

 
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