Nihad Nino Pušija
Nicht wirklich lustig
taz 06.10.2012

von Andreas Hartmann
06. Oktober 2012
Ihre Blicke gehen direkt in die Kamera, in der einen Hand halten sie
ein Schwert, in der anderen einen Schild. Die drei Jungs, die der in
Sarajevo geborene und seit 20 Jahren in Berlin lebende Fotokünstler
Nihad Nino Pusija in seiner Fotoserie "Die Gladiatoren" inszeniert,
scheinen bereit zum Angriff, aber auch zur Verteidigung.

"Die Gladiatoren" sind Teil der Ausstellung "Roma é Roma" - Roma in
Rom, die gerade in der Galerie Kai Dikhas zu sehen ist. Nihad Nino
Pusija, der seit 20 Jahren viele Reisen und Reportagen zu den Roma
unternommen hat, weiß erst seit einigen Jahren, dass sie auch zu
seiner Familie gehören. In Rom geht es ihm um die Situation der
Roma in Italien im Allgemeinen und in Rom im Speziellen, nicht nur
in möglichst realistischen Bildern, sondern gern auch mit etwas
Schalk statt des erhobenen Zeigefingers inszeniert. Seine
Gladiatoren sind dann auch Angehörige der Roma-Minderheit in
Italien. Sie stehen vor einem als vermeintlich stolze Kämpfer, die
trotzdem Opfer sind - ihre Schilde sind auch schon recht ausgebeult.
Gladiatoren waren schließlich Gefangene, die kämpfen mussten, um
möglichst lange weiterleben zu dürfen. Man darf dieses Bild ruhig auf
die Situation der über Jahrhunderte hinweg ausgegrenzten Sinti und
Roma generell übertragen.
Verblüffend ist, wie der Künstler immer wieder mit einigem Witz an
seine Sache geht und wie einem als Betrachter das Lachen immer
wieder schnell mal im Halse stecken bleibt. So gibt es in der
Ausstellung auch eine Fotonovela zu sehen, ähnlich diesen
"Bravo"-Lovestorys. Ironisch und mithilfe von einmontierten
Sprechblasen wird hier comichaft gezeigt, wie sich Roma zwischen
ihrer eigenen Kultur und der ihrer Umgebung bewegen müssen,
zwischen arrangierten Ehen und der Lust auf das Leben da draußen.
Campi Nomadi
Von der Regierung Berlusconi wurden sie in Lager gesteckt, in
Wohnwagensiedlungen ohne geteerte Straßen, Nichtroma haben
keinen Zutritt zu diesen Lagern, und außerhalb der Lager sind sie
Flüchtlinge, die niemand hier haben will.
Nicht wirklich lustig
MINDERHEITEN IN ITALIEN Leben zwischen den Kulturen: "Roma
in Rom" des Fotografen Nihad Nino Pusija in der Galerie Kai Dikhas
- taz.de http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2...
1 von 2 23.10.12 18:25
Man soll Spaß haben bei Nihad Nino Pusija, das geht ja schon los
beim Titel der Ausstellung: "Roma in Rom". Das klingt nach einer
dieser billigen Alliterationen, die sich Zeitungsredakteure kurz vor
Redaktionsschluss für ihre Überschriften ausdenken. Doch die
Realität der in Italien gestrandeten Sinti und Roma, die nach den
Wirren des Bürgerkriegs in Jugoslawien aus der Heimat geflohen
sind, ist nicht wirklich lustig. Die Flüchtlinge wurden in Italien in
sogenannten Campi nomadi aufgefangen, eine Minderheit, der
sowieso mit reichlich Vorurteilen begegnet wird, wurde vorsätzlich
ethnifiziert und gettoisiert.
Es passierte, was passieren musste. Es kam zu Übergriffen auf die
Lager, gleichzeitig wuchs der Missmut unter den gesellschaftlich
Marginalisierten und damit Kleinkriminalität und Ähnliches.
Was in Italien unter der Regierung Berlusconi passierte und unter
Monti immer noch nicht vorbei ist, ist besonders krass, könnte man
meinen. Wenn es denn nur so wäre. In Ungarn gibt es bekanntlich
immer wieder pogromartige Ausschreitungen gegen die Minderheit
der Sinti und Roma, und auch in Deutschland kann man nicht gerade
davon reden, dass den immer noch gern so genannten "Zigeunern"
ohne Klischeevorstellungen gegenübergetreten würde.
Ort der Bewegung
Aus diesen Gründen bemüht sich die Galerie Kai Dikhas, was aus
dem Romanes übersetzt "Ort des Sehens" heißt, um ein
differenzierteres Bild der Sinti und Roma. Wichtig, so sagt der
künstlerische Leiter der noch jungen Galerie, Moritz Pankok, sei
dabei, zeitgenössische Kunst der Minderheit selbst auszustellen, ihr
Bild nicht der Bestimmung durch Außenstehende zu überlassen.
Dafür arbeitet Pankok, der sich auch aktiv für die Errichtung des
Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma
in Berlin eingesetzt hat und nebenbei als Theaterregisseur tätig ist,
mit Roma-Organisationen zusammen. Auch die Ausstellung "Roma é
Roma" wurde von der Galerie mitfinanziert.
Moritz Pankok nennt seine Galerie einen "permanenten Ort für die
Bewegung", womit er implizit denjenigen eine Basis gibt, von denen
es gern heißt, sie seien umherziehende Nomaden.

Nihad Nino Pusija: "Roma é Roma - Roma in Rom".
Galerie Kai Dikhas im Aufbau Haus am Moritzplatz,
Di. bis Sa. 12-19 Uhr,
bis zum 30. 11. 2012